24 Stunden auf der Straße: Tagebuch eines Busses

Veröffentlicht von am 13.04.2016 (2 Kommentare)
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Foto: Peter Leßmann

Wir begleiten Wagen 1246 einen Tag lang, unter anderem auf der 8.

Wie sähe das eigentlich aus, wenn ein Bus Tagebuch führen würde? Morgens geht’s los, abends zurück und zwischendurch fährt er immer nur zwischen zwei Endhaltestellen hin und her? Oder passiert da noch mehr? Was erlebt ein Bus in 24 Stunden auf Münsters Straßen?

Um diese Fragen zu beantworten, haben wir einem Bus mal einen ganzen Tag lang über die Schulter geschaut und sein imaginäres Tagebuch ausgelesen. Von früh morgens bis zum nächsten Morgen war der Bus unterwegs. Das hier ist die Geschichte von Wagen 1246 an einem ganz normalen Freitag.

Der Tag zuvor

Foto: Peter Leßmann

Während ich noch tanke, fährt schon der nächste Bus durch die Waschstraße

Obwohl ich dieses Jahr schon vier werde, sehe ich noch richtig neu aus, finde ich. Zum Glück gehen die Münsteraner pfleglich mit mir um und die Werkstatt-Jungs gucken regelmäßig nach mir. Als ich gestern endlich Feierabend hatte, habe ich noch die volle Wellness-Behandlung bekommen: Erst wurden meine Böden und Sitze ordentlich gereinigt, dann ging es mir in der Waschstraße ans Blech. Danach war ich noch ganz nass (wir verzichten auf den großen Fön, den Ihr aus der kleinen Waschanlage an der Tankstelle kennt, ich trocke auch so ganz schnell), als schon der nette Betanker kam und meinen Tank aufgefüllt hat.

Jetzt wäre ich eigentlich bereit für die Straße, aber zum Glück ist der Dienstplan gnädig zu mir. Ich bekomme eine ordentliche Nachtruhe und der Rangierfahrer bringt mich jetzt in die große Wagenhalle. Da stehe ich aber ganz vorne und weiß schon, was das bedeutet: Ich muss morgen früh aus den Federn. Die Fahrer der Frühschicht kommen schon vor 5 Uhr! 

4.58 Uhr – das ist aber früh!

Hybrid-Halle

Hier stehe ich in der Halle und warte auf meinen Fahrer

Ich bin schon um halb fünf aufgewacht, weil neben mir die ersten Busse losgefahren sind. Um zehn vor fünf kommt meine Fahrerin und umkreist mich erstmal. Reifen, Licht, Türen: alles sieht gut aus und funktioniert. Dann nimmt sie ihren Platz hinter dem Lenkrad ein, Sitz und Spiegel werden eingestellt, die Plankarte (das ist der Fahrplan für die Fahrer, auf dem steht, wann sie wo sein und losfahren müssen) kommt auf den Halter neben dem Bordcomputer. Dem wendet sich meine Fahrerin als nächstes zu. Piep, piep, piep: die ersten Eingaben in den Computer sind Linie und Kurs. 9/08 tippt sie. Das heißt, ich fahre zuerst als Linie 9 und bin Kurswagen Nummer 8. So weiß ich, wo ich heute lang fahren muss und was draußen an meinen Zielanzeigern stehen soll. Bis ich meine erste Haltestelle erreiche, steht da allerdings noch Betriebsfahrt.

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Das ist die Plankarte, der Fahrplan für meine Fahrer

Dann geht der Motor an. Die Besonderheit an meinem Dieselmotor ist: er läuft gar nicht durchgehend. Er springt aber regelmäßig an, um meine Akkus auf dem Dach zu laden, denn ich bin ein Hybridbus. Das heißt, dass meine Räder von elektrischen Radnabenmotoren angetrieben werden, die ihren Strom aus den Akkus bekommen. So bin ich leiser als andere Busse und spare auch Treibstoff. Als ich um exakt 4.58 Uhr losfahre und die Halle verlasse, brummt darum noch kein Motor. Der springt erst an, als ich auf der Straße bin.

Über den Albersloher Weg, die Gartenstraße und den Hohen Heckenweg komme ich um 5.17 Uhr an der Haltestelle Coerde an. Ich bin der erste Bus der Linie 9 und so früh ist noch wenig los auf den Straßen. Als sich eine Minute später die ersten Fahrgäste hingesetzt haben, sind sie noch ganz müde. Ihren Kaffee schlürfen sie zum Glück aus festen Thermobechern. Die kennen sich aus, denn die dünnen Coffee-to-go-Becher sind im Bus nicht gern gesehen. Darüber bin ich ganz froh, weil heißer Kaffee auf meinen Polstern mir nicht gefällt.

Linie 9 Hammer Straße

Mir kommt eine andere 9 entgegen, noch ist nicht viel los auf den Straßen.

Dann geht es auch schon los: zurück über den Hohen Heckenweg, Bült und Hauptbahnhof bis nach Hiltrup-Ost. Auf der Hammer Straße kommt mir eine andere 9 entgegen, Wagen 2917. Wisst Ihr eigentlich, was die Wagennummer bedeuten? Das steht auch im Blog! Die Fahrer grüßen sich per Handzeichen. Das machen die wirklich immer. Ich frage mich schon lange, wie viele andere Busse mir den ganzen Tag entgegenkommen. Ich muss das mal zählen… Eine Stunde später komme ich pünktlich am Franz-Marc-Weg an, die Straßen waren noch schön frei und es gab immer einen freien Sitzplatz. Das wird sich allerdings bald ändern, wenn die Schulkinder kommen.

Nach zwölf Minuten Pause geht es weiter, zurück auf der 9 nach Coerde und weiter bis nach Kinderhaus. Ich bin immer ganz aufgeregt, wenn ich die Strecke nach Kinderhaus als 9 fahre, das gibt es nämlich nur ganz früh morgens, wenn die ersten Schüler und Pendler mitfahren.

Weiter als Linie 8

Foto: Peter Leßmann

Vormittags ist es in Wolbeck ganz ruhig. Gleich habe ich erstmal Pause.

Von Kinderhaus geht es dann um 7.35 Uhr wieder los, jetzt als Linie 8. Das gibt es gar nicht so selten, dass man zwischendurch mal die Linie wechselt. So wird aus der 12 am Bahnhof die 13 oder auch mal aus der 1 in Roxel eine 10. Ich freue mich darüber immer, denn so sehe ich mehr von der Stadt. Nach Hiltrup komme ich heute nämlich nicht mehr. Stattdessen fahre ich jetzt nach Wolbeck. Zwischen 7 und 8 Uhr ist es immer besonders voll, in dieser einen Stunde fahren zehn Prozent aller Fahrgäste des Tages. Kinder sind auf dem Weg zur Schule, Erwachsene fahren zur Arbeit. Ob Ihr es glaubt oder nicht: Auch Studenten sind immer häufiger schon so früh unterwegs. In Pluggendorf steigen einige ein, sie wollen zur „Bib“, sagen sie, lernen. Am Bült steigen sie in die 1 um. Nicht nur der Bus ist voll, auch auf den Straßen ist einiges los, ich hatte gerade elf Minuten Verspätung!

Nach der ersten Tour wechselt meine Fahrerin, am Hauptbahnhof tauscht sie mit einem Kollegen die Plätze. Dann heißt es noch kurz Sitz und Spiegel einstellen und weiter geht es nach Coerde. Zum Glück reicht die nächste Pause von 22 Minuten an der Endhaltestelle locker aus, damit ich wieder pünktlich losfahre. Der Fahrer hatte sogar noch Zeit, sein mitgebrachtes Brot zu essen und ist einmal durch den Bus gegangen, um liegengelasse Zeitungen und Brötchentüten wegzuräumen. Würde doch bloß jeder Fahrgast die einfach mit rausnehmen…

Am Vormittag pendle ich nun zwischen Coerde und Wolbeck. Ich weiß schon, dass es erst mittags wieder voll wird, wenn ich bis nach Kinderhaus fahre, um die Schüler abzuholen. Nach der Schule freuen die sich schon auf den Nachmittag und toben etwas wild durch den Bus. Zum Glück passen sie aber auf, dass nichts kaputtgeht. Schon zum dritten Mal stand heute jemand vor der letzten Tür und hat sich gewundert, dass der Fahrer die Tür nicht aufmacht. Dabei kann der das doch gar nicht. Die Tür hinter dem „Knick“ muss der Fahrgast selbst aufmachen, die Knöpfe neben der Tür leuchten extra auf. Daran müssen sich aber viele noch gewöhnen. Als ich hier neu war, durfte man nur vorne einsteigen, inzwischen an allen Türen.

Die ganze Nacht durch

Umstieg Hbf

Am Hauptbahnhof ist zum Rundumanschluss immer viel los

Um 19.50 Uhr startet meine letzte Fahrt für heute – jedenfalls als 8. Denn wenn ich um Viertel vor neun in Coerde ankomme und die letzten Fahrgäste aussteigen, habe ich schon zwölf Touren hinter mir. Mein Fahrer – der fünfte an diesem Tag! – schildert sofort die Zielanzeige um. Nun steht da wieder Betriebsfahrt, aber ich darf noch nicht nach Hause, obwohl es schon dunkel ist. Über die Königsberger Straße geht es zum Schifffahrter Damm. Denn dort wechsle ich auf die dritte Linie für heute. Die N82 startet um 21.14 an der Kleimannbrücke und fährt nach Wolbeck. Wieder neue Straßen, die ich entdecken darf, auch wenn ich in Wolbeck ja schon war.

Um 21.40 komme ich am Hauptbahnhof an und treffe zehn Geschwister. Denn die Nachtbusse sind zum Rundumanschluss alle gleichzeitig am Bahnhof und warten fünf Minuten lang auf Umsteiger. Erst wenn mein Bordcomputer piepst, hat die Leitstelle den Nachtbussen freie Fahrt gegeben. Manchmal funkt der Verkehrsmeister aus der Leitstelle sogar noch „Nachtbusse am Hauptbahnhof: freie Fahrt!“. Ich mag es, wenn die Verkehrsmeister mit mir sprechen. Spannend, was die alles zu erzählen haben!

Foto: Peter Leßmann

Am Kino ist abends immer viel los.

Weil Freitag ist, fahren wir heute die ganze Nacht durch. Bis Mitternacht im 30-Minuten-Takt, danach alle 70 Minuten. Ich habe den langen Dienst erwischt und muss noch fünf Touren machen. Weil ich zwischen Altstadt, Hafen und Hawerkamp fahre, sehe ich viele junge Leute. Um halb elf zum Beispiel steigen die Kinogänger auf dem Heimweg ein und quatschen über die Filme, die gerade laufen. Schade, dass es kein Autokino in Münster gibt, da würde ich auch mal gern hinfahren!

Nachtbus N82

Um 4.40 Uhr ist es geschafft: ich werde abgelöst und habe Feierabend

Um kurz nach 3 Uhr breche ich zu meiner letzten Runde auf – die Partygänger am Hawerkamp haben wohl länger durchgehalten als ich, denn noch sind nur wenige auf dem Weg nach Hause. Für ein junges Pärchen hat mein Fahrer aber schon einen Taxibus nach Gelmer gerufen, die beiden sahen auch ganz schon müde aus. Wenn ich um 4.40 Uhr am Hauptbahnhof ankomme, bin ich das auch. Aber direkt vor mir steht schon ein anderer Bus. Heute ist es 1496. Mein Fahrer sagt durch, dass der Bus nun ausgewechselt wird und alle Fahrgäste steigen um.

Puhhh, jetzt geht’s endlich nach Hause, in die große Wagenhalle zurück. Da komme ich um 4.49 Uhr an – genau 23 Stunden und 51 Minuten, nachdem ich den Betriebshof verlassen habe. 350 Kilometer mehr stehen jetzt auf meinem Tacho und ich freue ich mich auf eine Pause. Ich bin schon gespannt, auf welche Linie ich bei der nächsten Fahrt komme!

2 Kommentare

  1. Anonymous
    2. November 2018

    Hallo, ich war mal mit der Schule für länger als 24h im Bus. Die Erinnerungen waren nur positiv. Wir mussten ständig Pausen machen und konnten uns super unterhalten. Wenn man das mal aus Sicht des Busfahrers betrachtet, dann ist das eher eine hohe Anstrengung. Daher danke für die Einblicke.

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  2. Maik
    15. April 2016

    Sehr schön geschrieben und herrlich zu lesen. So macht das Bloglesen Spaß. Und ganz nebenbei sind auch wieder viele Informationen eingeflochten…

    Vielen Dank an den tagebuchführenden Bus 1246, und denjenigen, der uns den Blick ins Tagebuch ermöglichte. Und bei einer Sache bin ich mir sicher: Nach fast 24 Stunden Arbeit und 350 Kilometern Strecke wäre ich wohl auch mehr als müde. 😉

    Maik

    Antworten

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