Darum fuhren nach dem Mauerfall Münsters Stadtbusse durch Berlin

Veröffentlicht von am 07.11.2019 (2 Kommentare)
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Bus der Verkehrsbetriebe Bild in Berlin (Foto: Michael Müller, Traditionsbus Berlin)

Sechs orangene Busse aus Münster fuhren nach dem Mauerfall in Berlin (Foto: Michael Müller, Traditionsbus Berlin)

Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, war das für viele Ost-Berliner und DDR-Bürger ein unvergessliches Erlebnis. Sie konnten plötzlich die Grenze nach West-Berlin überqueren, die geteilte Stadt wurde wiedervereint. Für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) begannen jedoch einige hektische Monate – denn die Fahrgastzahlen stiegen von einem Tag auf den anderen sprunghaft an. Viele westdeutsche Städte halfen daher kurzfristig mit „Solidaritätsbussen“ aus. Auch aus Münster fuhren sechs Soli-Busse des Unternehmens Bils nach Berlin.

Jörg Gabrielski, der damals als Fahrer dabei war, erinnert sich lebhaft an eine aufregende Zeit.  

Unser großer Dank für die Fotos der Bils-Busse in Berlin geht an Michael Müller vom Berliner Traditionsbus, der uns diese zur Verfügung gestellt hat. 

Mit dem Bus nach Berlin

Bus der Verkehrsbetriebe Bild in Berlin (Foto: Michael Müller, Traditionsbus Berlin)

Es herrschte großer Andrang auf die Buslinien (Foto: Michael Müller, Traditionsbus Berlin)

Den Andrang der Ost-Berliner, die ihre neugewonnene Reisefreiheit nutzten, brachte auch den Berliner Nahverkehr an seine Grenzen. Schon am Tag nach dem Mauerfall mietete die BVG damals kurzfristig Reisebusse an. Weil die aber nur bedingt geeignet für Linienverkehr sind, kamen westdeutsche Verkehrsunternehmen ins Spiel. Wenige Tagen später waren die ersten Linienbusse aus dem Westen samt Fahrer vor Ort und unterstützten ihrer Berliner Kollegen. Insgesamt 29 Verkehrsunternehmen halfen aus, aus München, Frankfurt, Hamburg und vielen weiteren Städten.

Aus dem Münsterland waren sechs orangefarbene Busse der Verkehrsbetriebe Bils aus Albersloh in Berlin im Einsatz, die eigentlich im Stadtbusverkehr in Münster unterwegs waren. Unterwegs waren sie auf den Linien 30E, 68, 85E und 86E, die im Südwestens Berlin, hauptsächlich in den Bezirken Steglitz, Zehlendorf und Tempelhof fuhren. Schon zuhause hatten die Fahrer Streckenschilder für die neuen Ziele auf den Linien 30E, 68, 85E und 86E gebastelt, dann ging es los: 500 Kilometer, durch Westfalen, Niedersachsen und die DDR bis nach Berlin, im für den Stadtverkehr gemachten Linienbus keine ganz angenehme Fahrt.  

Bus der Verkehrsbetriebe Bild in Berlin (Foto: Michael Müller, Traditionsbus Berlin)

Die Busse starteten am Steglitzer Rathaus, unter dem Hochhaus Steglitzer Kreisel (Foto: Michael Müller, Traditionsbus Berlin)

An seinem ersten Einsatztag stand Jörg mit seinem Bus am Busbahnhof an der Haltestelle Rathaus Steglitz unter dem Steglitzer Kreisel. Hier fuhr alle paar Minuten ein Bus ab, immer im Wechsel ein Doppeldecker der BVG und ein Solibus – und jeder Bus war voll. Also Türen öffnen, Bus voll machen und los. Aber bei Jörg stieg keiner ein. Komisch, das Streckenschild passte, Türen sind auf – was war los? Ein Berliner Verkehrsmeister klärte auf: So lange der Fahrer den Fahrgästen den Zustieg nicht erlaubte, warteten sie ganz gesittet an der Haltestelle. Einen Zuruf später strömten die Fahrgäste in den Bus – einer nach dem anderen, nur durch die vordere Tür und erst nachdem Jörg jedes vorgezeigte Ticket abgenickt hatte. Das war er als Stadtbusfahrer aus Münster nicht gewohnt, einen kontrollierten Einstieg gab es hier noch nicht.

Ein Ticket für Westberlin kostete zwei D-Mark (Bundesarchiv, Bild 183-1990-0104-025 / Hirschberger, Ralph / CC-BY-SA 3.0)

Wer keinen Fahrschein hatte, kaufte einen – da der Bus allerdings keinen Berliner Ticketdrucker hatte, gab es Abreissfahrscheine vom Klemmbrett und einen Stempel zum Gültigmachen. Improvisiert natürlich, aber es hat funktioniert. Zu Beginn des Einsatzes in Berlin gab es nicht einmal das. Mitfahren konnten da nur Inhaber von Sichtkarten, also Tickets, die nicht entwertet werden mussten, wie ein großes Schild in der Frontscheibe ankündigte: Im Auftrag der BVG – Nur Sichtkarten. 

Improvisiert war auch die Streckenkunde, denn die Fahrer waren fremd in der großen Stadt, kannten weder Stadt noch Straßen. Für eine langwierige Fahrplanschule war keine Zeit, die Busse mussten auf die Straße. Stattdessen gab es also morgens einen Stadtplan mit händisch eingezeichnetem Linienverlauf – und den guten Tipp: „Wenn Du Dir nicht sicher bist, warte einfach einige Minuten, bis der Bus der BVG kommt. Dann fährste dem hinterher.“ Nicht ganz orthodox, aber es hat funktioniert, und darum ging es ja letztlich. 

Busse der Verkehrsbetriebe Bild im Berlin (Foto: Michael Müller, Traditionsbus Berlin)

Am Friedrich-Wilhelm-Platz hatten die Busse auf der 85E Pause (Foto: Michael Müller, Traditionsbus Berlin)

Und freundlich waren die Berliner zu den Fahrern aus dem Westen sowieso. Am Friedrich-Wilhelm-Platz hatten die Bils-Busse auf der Linie 85E regelmäßig Pause und parkten an der dortigen Betriebshaltestelle – strategisch günstig neben einem beliebten und meist gut besuchten Imbiss. Dessen Personal hatte immer ein Auge auf ankommende Busse und winkte die Fahrer in der Warteschlange nach ganz vorn – denn nur so passte die Bratwurst in die Pause. Die Berliner machten bereitwillig Platz für die Helfer. Und da die Busse dort eine kurze Überlage hatten (was das ist, steht hier), blieb sogar noch Zeit, mit einem Kollegen aus Münster zu quatschen. 

Betriebshof Zehlendorf

Busse der Verkehrsbetriebe Bild auf dem Betriebshof Zehlendorf (Foto: Michael Müller, Traditionsbus Berlin)

Auf dem Betriebshof Zehlendorf standen die Busse dicht an dicht (Foto: Michael Müller, Traditionsbus Berlin)

Stationiert waren die Busse aus Münster, zusammen mit weiteren West-Bussen aus dem Ruhrgebiet auf dem (heute nicht mehr existenten) Betriebshof in Zehlendorf. Neben 160 Bussen waren rund um die 1936 gebauten drei Bushallen noch 350 Betriebswohnungen angeordnet. Mit den Soli- und BVG-Bussen platze der Hof aus allen Nähten, nur mit Mühe ließen sich die Tore abends noch schließen. An ein Bustetris, wie wir es nachts auf unserem Betriebshof spielen, damit morgens alle Busse an der richtigen Stelle stehen, war nicht zu denken. Daher mussten die Fahrer ihre vorab geplante Einfahrtszeit sekundengenau einhalten und ansonsten in den Nebenstraßen abwarten, bis sie an der Reihe waren. Erst dann ging es in die Betriebswohnung, die allerdings nicht direkt am Betriebshof lag – auch die waren nämlich voll belegt.  

Bus der Verkehrsbetriebe Bild in Berlin (Foto: Michael Müller, Traditionsbus Berlin)

Die Soli-Busse waren tagsüber unterwegs, abends hatten die Fahrer frei (Foto: Michael Müller, Traditionsbus Berlin)

Da die Solibusse hauptsächlich tagsüber fuhren, wenn die meisten Fahrgäste unterwegs waren, waren die Abende für die Bils-Fahrer frei – die perfekte Chance, Berlin in einer aufregenden Zeit zu erkunden. An einem Abend war Jörg am Reichstag unterwegs und hat Fotos der schon löcherigen Mauer gemacht. Von „drüben“ rief ein Ost-Berliner Volkspolizist, ob er Bilder von der anderen Seite machen soll – „klar“, sagte Jörg, und reichte die Kamera durch das Loch. Ein Fehler, wie seine Begleiter vermuteten, als der Polizist auch nach einer halben Stunde noch weg war? Wahrscheinlich, dachte auch Jörg und hat die Kamera schon innerlich abgeschrieben, also der Polizist plötzlich doch wiederkam. Er hatte einen Einsatz ‚reinbekommen und musste sofort los, sagte er und reichte die Kamera zurück.

Zurück ins Münsterland

An den Transitshops gab es für D-Mark günstige Waren (Foto Aad van der Drift, Lizenz CC-by-2.0)

An den Wochenenden blieben die Bils-Fahrer manchmal in Berlin, regelmäßig ging es aber auch nach Hause – Freitagabend 500 Kilometer Richtung Westen, Sonntagnachmittag zurück gen Osten. Oft waren das Fahrten mit einem der eingesetzten Linienbusse, die am Wochenende in die Wartung oder auch zu Reparaturen in die heimische Werkstatt mussten. Eine lange Fahrt mit einem Fahrzeug, das gerade mal knapp 80 km/h schaffte.

Das Angenehme an den Reisen waren die Intershops auf der Transitstrecke, in der mit der D-Mark günstig eingekauft werden konnte. Vor allem Zigaretten und Toffifee (sehr günstig und sehr beliebt bei den Ehefrauen) standen auf der Einkaufsliste.

Busse der Verkehrsbetriebe Bild auf dem Betriebshof Zehlendorf (Foto: Michael Müller, Traditionsbus Berlin)

Kurz vor der Abfahrt vom Betriebshof wurden die Busse als Betriebsfahrt gekennzeichnet (Foto: Michael Müller, Traditionsbus Berlin)

Nicht machen sollte man es übrigens wie ein Kollege von Jörg, der auf einer abendlichen Heimfahrt seine im Osten gekauften Zigaretten hinter der vorderen Zielanzeige verstecken wollte. Ohne gestecktes Zielschild und mit eingeschalteter Beleuchtung fielen die Päckchen schon von Weitem deutlich auf. Auf die Idee kam aber weder Fahrer Jörg noch einer der anderen Insassen, als der ostdeutsche Grenzer den Bus herauswinkte…

Als Dankeschön für den wichtigen Hinweis gab es für den Zollbeamten Zigaretten und Schokolade. Anschließend wurde der Bus wieder auf die Straße geschickt und von den westdeutschen Beamten unbehelligt durchgewunken. Glück gehabt!

Heute kümmert sich Jörg als Verkehrsmeister unter anderem um die FIS-Anlagen

Für Jörg endete das Abenteuer Berlin nach drei Monaten. Auch wenn die BVG ihm das Angebot machten, dort zu bleiben, kehrte er aus familiären Gründen zurück ins Münsterland.

Von Bils wechselte er 1992 zu den Stadtwerken, wo er noch einige Jahre Bus fuhr und später in den Kundenservice wechselte. Seit 2007 arbeitet er in der Verkehrsleitstelle und kümmert sich um die FIS-Anzeigen an den Haltestellen. 

 

 

2 Kommentare

  1. Avatar
    Dominik Bleckmann
    14. November 2019

    Herrlich geschrieben und illustriert mit den Fotos! Toller Blogbeitrag an eine Zeit, die ich von der Seite nie mitbekommen habe – altersbedingt. 😉

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  2. Avatar
    Reinhard Schulte
    8. November 2019

    Hallo Herr Adler,

    wieder einmal ein köstlicher, höchst lesenswerter Blog-Beitrag. Ich kann noch beisteuern, dass ich wenige Tage vor der Grenzöffnung zusammen mit dem Berliner Bus-Chef Wolfgang Jähnichen in einem VDV-Arbeitskreis zusammen saß. Plötzlich wurde dieser telefonisch herausgerufen. Am Telefon der Regierende Bürgermeister, der Innensenator und der Chef der BVG. Als Wolfgang Jähnichen nach rund 45 Minuten Telefonkonferenz zurückkehrte, war er bleich im Gesicht. Beraten worden war nämlich, wie die BVG reagieren könne, wenn es in den nächsten Wochen oder Monaten zu einer Grenzöffnung kommen sollte. Und dafür gab es keinen Plan in der Schublade. Was keiner wusste: Die Grenzöffnung kam schon zwei Tage später.

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