Citaro oder Citea: Wer entscheidet, welche Busse wir kaufen?

Veröffentlicht von am 18.05.2020 (3 Kommentare)
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Viele verschiedene Bustypen stehen in unseren Wagenhallen

Unsere Elektrobusse kommen bisher alle von VDL, die letzten Dieselbusse 2016 waren Mercedes, zudem fahren noch Solaris und MAN durch Münster. Wie kommt das eigentlich und wer entscheidet, welche Busse wir kaufen? Einfach bei den Herstellern anrufen und zehn Busse ordern – so leicht ist es nämlich nicht. Stattdessen wird die Beschaffung neuer Busse europaweit ausgeschrieben. Den Auftrag enthält dann der beste Bieter.

Wie das im Detail läuft, erfahrt ihr hier.

Lastenheft mit 50 Seiten

Innenschwenk an Tür 1

Busse online shoppen? Funktioniert nicht. Dieses Jahr hätten wir gerne Marke X, weil die bei Fahrern und Werkstatt besonders beliebt ist? Können wir so einfach nicht entscheiden. Stattdessen schreiben wir unseren Auftrag europaweit aus und interessierte Hersteller können sich dann um den Auftrag bewerben.

Diese Ausschreibung macht unserer Abteilung Einkauf übrigens durchaus Arbeit. 50 Seiten umfasst das sogenannte Lastenheft, in dem wir unsere Anforderung an die neuen Busse ganz genau definieren. Niederflur muss er sein, das ist seit 1992 Standard. An Tür 2 soll es eine Außenschwingtür sein, an Tür 3 eine Innenschwingtür und dahinter noch ein Stehperron mit Klappsitzen. Dazu bei der neuen Bestellung für 2021 erstmals USB-Steckdosen an den Sitzgruppen.

Den Sitzbezug stellen wir bei

Der Fahrerarbeitsplatz hat nach einem vom Verband deutscher Verkehrsunternehmen festgelegten, sogenannten VDV-Standard gestaltet zu sein. So brauchen die Fahrer nicht viel Eingewöhnung, wenn sie tagtäglich – teils sogar innerhalb einer Schicht – vom Bus eines Herstellers auf ein anderes Fabrikat wechseln. In den Elektrobussen legen wir außerdem fest, dass der Fahrer über den aktuellen Energiefluss und Fahrleistung informiert sein muss, um möglichst wenig Strom zu verbrauchen.

Das sind Vorgaben, die die Hersteller erfüllen müssen, wenn sie den Auftrag bekommen wollen. Nicht um alles müssen sich aber die Hersteller kümmern. Viele Münster-spezifische Teile bestellen wir selbst und geben dem Hersteller vor, sie zu verwenden. Den blauen Sitzbezug mit unseren Logos darauf zum Beispiel, aber auch die E-Ticket-Leser oder die TFT-Monitore steuern wir so bei – der Fachmann spricht von Beistellungen.

Angebote werden ausgewertet

Welcher Hersteller den nächsten E-Bus liefert, können wir nicht so einfach entscheiden

Auf diese Anforderungen hin können die interessierten Hersteller dann ihre Angebote kalkulieren und bei uns einreichen. Schon das beschränkt unsere Auswahl, denn nicht immer bieten alle Hersteller auch an. Vielleicht sind die Werke des einen zur angefragten Lieferzeit bereits voll auslastet, so dass er gar keine Kapazität hätte, die Busse zu bauen. Ein anderer scheut möglicherweise den Aufwand, das Angebot zu stellen, weil er sich nur geringe Chancen ausrechnet. Und ein dritter erfüllt erst gar nicht die Anforderungen, die wir an unsere Lieferanten stellen.

Unser Einkauf wertet dann die Angebote aus und versucht, sie bestmöglich vergleichbar zu machen. Weil einige Positionen im Lastenheft optional sind und sich andere in Details unterscheiden, sind die Angebote nämlich nicht ganz gleich. Außerdem zählt nicht nur, was am Ende unter dem Strich steht. Denn der Preis ist bei weitem nicht das einzige Kriterium, das wir betrachten

Planet, People, Profit

Wenn der Bus gut zu warten ist, bringt dem Hersteller das Pluspunkte ein.

Wir bewerten die Angebote nach drei Kategorien mit „P“: Es zählt die Umweltfreundlichkeit (Planet), die Funktionalität (People) und das Finanzielle (Profit). So bekommt Sonderpunkte, wer wenig Strom und sonstige Betriebsstoffe verbraucht. Auch das beste Recyclingkonzept nach der Betriebszeit zählt. Besonders fahrgastfreundliche Busse bevorzugen wir genauso wie ein gutes Wartungsschema.

Und auch beim Geld geht es nicht nur um den Anschaffungspreis. Stattdessen betrachten wir die „Lifecycle-Costs“ (LCC, also die Betriebskosten über die gesamte Betriebszeit). Auch Ersatzteilpreise und -verfügbarkeit, der Wiederverkaufswert und ein Second-Life-Konzept für die Batterien gehen hier ein.

Endlich bestellt

Bus im Bau

Nachdem alle Faktoren gewichtet sind, kristallisiert sich ein Sieger heraus. Technische Bietergespräche können zwar noch stattfinden, die letztliche Vergabe an einen Hersteller richtet sich aber nach Bewertungskriterien. Daher sind ausführliche Lastenhefte so wichtig, um den besten Bus für Münster zu bekommen. Immerhin geht es bei der Beschaffung von mehreren E-Bussen um Millionenbeträge. Schon um die Förderung, die wir erhalten, nicht aufs Spiel zu setzen, müssen wir uns genau an die Abläufe halten.  

Wenn er die rechtsverbindliche Bestellung erhalten hat, kauft der Hersteller die Materialen ein, die er für den Auftrag benötigt, plant in seiner Produktion die Kapazität und baut schlussendlich den Bus. Bei einem 50-seitigen Anforderungskatalog ist klar: Ein Bus ist kein Produkt von der Stange, sondern mit jeder Bestellung wieder eine Kleinserienfertigung, die speziell für uns gebaut wird. Daher haben Busse auch eine recht lange Lieferzeit, bei Elektrobussen beträgt die zur Zeit locker ein Jahr, manchmal mehr. Auch bei Dieselbussen mussten wir aber früher sechs bis acht Monate vor gewünschtem Liefertermin bestellen.

Da ist der (fast) fertige Bus

Während des Baus bleiben wir übrigens nicht untätig, sondern fahren schonmal ins Werk und schauen, ob alles zu unserer Zufriedenheit läuft.

Wenn der Bus fertig gebaut und im Werk von uns abgenommen ist, kommt der große Tag: Dann rollt ein Tieflader mit einem bereits blau lackierten Elektrobus bei uns auf den Hof, wo wir ihr in der Werkstatt erstmal durchchecken und fertig ausrüsten mit den Teilen, die wir beigestellt haben. Dann taufen wir ihn (allerdings ohne Champagner und Zeremonie) noch auf seine neue Wagennummer und einige Wochen später dürfen sich die Fahrgäste über ihre Fahrt in einem brandneuen Elektrobus freuen.

3 Kommentare

  1. Avatar
    Stöcker ,Peter
    1. Juli 2020

    Hallo, warum werden nicht alle neuen Busse mit 3/4 Türen ge-
    ordert? Ich meine ,das ist eine enorme Erleichterung für die Fahrgäste .Früher gab es nichts anderes.Die Kletterei von hinten zum Ausstieg bei vollem Bus ist eine Strafe.

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    • Florian Adler
      Florian Adler
      6. Juli 2020

      Bei den Elektrobussen sind wir erst einmal auf die „herkömmliche“ Türkonfiguration gegangen. Hier ist allerdings hinten auf etwas mehr Platz, weil der Busboden nicht so stark ansteigt. Es kann aber durchaus sein, dass auch Elektrobusse in Zukunft mit drei bzw. vier Türen beschafft werden.

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  2. Avatar
    Dominik Bleckmann
    20. Mai 2020

    Ein sehr interessanter Artikel von euch. Danke!

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