Ein leuchtendes Stück Stadtgeschichte

Veröffentlicht von am 15.02.2018 (2 Kommentare)
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Den Nachtschwärmern im Kuhviertel leuchten Gaslaternen den Weg nach Hause (oder den in die nächste Kneipe).

In Sachen Leuchttechnik ist das Kuhviertel ein gallisches Dorf in der historischen Münsteraner Altstadt. Kneipenbesucher und Passanten flanieren hier im Schein der letzten Gaslaternen der Stadt. 22 der geschichtsträchtigen Lichtspender sind im Kuhviertel noch in Betrieb – eine bewusste Entscheidung der Stadt, um das Flair des Viertels und ein Stück Stadtgeschichte zu erhalten.

Wenn man sich die künstlerisch-verzierten Jugendstil-Halterungen der Wandleuchten an den historischen Fassaden der Wirtshäuser betrachtet, ergeben Laternen, historische Gebäude und Kopfsteinpflaster ein stimmiges Altstadt-Bild.

Die Laternen in der Hollenbeckerstraße sehen nicht nur besonders aus – sie sind ein leuchtendes Stück Stadtgeschichte.

1854 brannten die ersten Gaslaternen in Münster. Mehr als 3.000 waren es zu Hochzeiten im Stadtgebiet. Ein Laternenmann zündete sie an und kontrollierte, ob alle Laternen in seinem Revier leuchteten. Mehr als 100 Jahre versahen die gasbefeuerten Lichter ihren Dienst.

Ab Mitte der 1960er Jahre wurden die Gasleuchten in Münster nach und nach gegen elektrische Leuchten ausgetauscht – nur nicht im Kuhviertel. Heute sind die 22 Gaslaternen klar in der Unterzahl: sie stehen 28.000 herkömmlichen Leuchten gegenüber.

Historisches erhalten

Im Vergleich zu moderner Leuchttechnik benötigen die historischen Leuchten häufiger die Zuwendung unserer Beleuchtungsexperten, damit sie leuchtfähig bleiben. Seit der Erneuerung der Gaslaternen in 2012 müssen unsere Techniker zwar seltener ausrücken, doch hat die alte Technik ihre Tücken.

Vier Glühstrümpfe sorgen für Licht in den Gaslaternen. Das feine Gewebe ist sehr empfindlich.

In Glüh- oder Gasstrümpfen aus zartem Gewebe entsteht das Licht, das den Kneipenbesuchern im Kuhviertel den Weg nach Hause leuchtet. Während moderne LED-Laternen alle vier Jahre überprüft werden und bis zu 20 Jahre lang Licht spenden, müssen die empfindlichen Gasstrümpfe jedes Jahr getauscht werden. Und mitunter noch deutlich häufiger: Schon ein kräftiger Windstoß oder eine Erschütterung am Mast können die filigranen Gasstrümpfe beschädigen, dann bleibt die Laterne dunkel. Oder die feine Düse, die das Gas in den Glaskolben leitet: Sie ist weniger als einen Millimeter groß, Pollenflug oder Staubpartikel können sie verstopfen.

Neben unseren Beleuchtungstechnikern sind bei Laternenarbeiten im Kuhviertel immer auch Anlagenmechaniker mit von der Partie. Denn die Laternen haben keinen elektrischen Anschluss, sie funktionieren mit Gas und damit kennen sich Anlagenmechaniker aus. Leuchtet eine Laterne nicht, gehen sie gemeinsam auf Fehlersuche. Häufig sind auch Azubis mit dabei. Nur hier haben sie die Gelegenheit haben, sich die Funktionsweise einer Gaslaterne am Objekt anzuschauen und sich das wertvolle Wissen um ihre Instandhaltung anzueignen.

Der Laternenmann ist zwar passé, doch unsere Techniker schauen regelmäßig nach den Gaslaternen im Kuhviertel.

Namensgeber wider Willen

Wie eng die Gaslaternen mit der Stadtgeschichte verbunden sind, zeigt die Anekdote um Münsters bekanntestes Bier: das Pinkus. Lokalhistoriker wissen nämlich zu berichten, dass die Gaslaternen bei der Entstehung des Namens eine zentrale Rolle spielten. Carl „Pinkus“ Müller, Brauer und Urenkel des Firmengründers, verdankte seinen Spitznamen dem Gewinn eines bierseligen Wettbewerbs: Nach einem Besuch im Bullenkopp mit zwei Mitschülern schaffte es Carl als Einziger, das Licht einer Gaslaterne auszupinkeln. Der Spitzname Pinkulus wurde später zu Pinkus verkürzt und der Brauer ließ ihn später auch offiziell im Pass vermerken.

Vielleicht schaut ihr bei der nächsten Kneipentour im Kuhviertel mal genauer hin, wer euch da eigentlich Licht spendet. Aber bitte: Nicht anpinkeln!

2 Kommentare

  1. Avatar
    Martin
    15. Februar 2018

    Interessanter Einblick.

    Wie werden die Laternen gezündet, wenn kein Strom vorhanden ist?

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    • Lisa Schmees
      Lisa Schmees
      15. Februar 2018

      Hallo Martin,
      den Zündmechanismus kann man sich in etwa so vorstellen wie bei einem elektrischen Feuerzeug. Jede Gaslaterne hat einen eigenen Dämmerungsschalter, der den batteriebetriebenen Zündmechnismus auslöst, wenn es dunkel wird.
      Viele Grüße,
      Lisa

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