Warum sich ein Windrad nicht immer dreht

Veröffentlicht von am 22.06.2015 (5 Kommentare)
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Nicht immer drehen sich beide Windräder – wie hier in Roxel

Wer in der Nähe eines Windrades wohnt, dem ist mit Sicherheit schon aufgefallen: Nicht immer dreht sich der Rotor, zeitweise steht er einige Stunden am Stück ganz still – und erzeugt dann natürlich auch keinen grünen Strom. Warum das so ist? Dafür gibt es mehrere Gründe. Die häufigsten erklären wir hier.

Probebetrieb

150 Meter hoch sind zum Beispiel unsere Anlagen in Amelsbüren, Roxel und Wolbeck. Direkt nach dem Aufbau zieht so ein Windrad da natürlich die Blicke auf sich. Bis sich die Flügel aber das erste Mal richtig drehen, dauert es noch einige Wochen. Denn zuerst müssen letzte Arbeiten in und an der Anlage abgeschlossen werden, die Verkabelung zum Beispiel. Danach beginnen Tests und der Probebetrieb, der mehrere Wochen dauern kann. Auch in dieser Zeit steht ein Windrad häufiger still, weil es wiederholt gewartet und überprüft wird. In Amelsbüren zum Beispiel fielen im Probebetrieb Probleme mit der Windnachführung auf, die erst behoben werden mussten. Daher konnte sich der Rotor nicht so häufig drehen wie er das heute tut. Solche „Kinderkrankheiten“ sind nicht ungewöhnlich, gerade um sie zu finden und zu beheben gibt es ja den Probebetrieb.

Regelbetrieb

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Die Messgeräte auf dem Maschinenhaus messen unter anderem die Windgeschwindigkeit

Haben die Anlagen den Probebetrieb hinter sich, drehen sie sich durchgängiger – allerdings auch nicht 24 Stunden am Tag. Der Hauptgrund: Es weht zu wenig Wind. Damit ein Windrad sich dreht, braucht es kontinuierlich eine bestimmte Windgeschwindigkeit von etwa 3 Metern pro Sekunde. Einzelne Windböen reichen nicht aus, der Wind muss beständig um die Flügel wehen. Da sich die Windverhältnisse innerhalb kleiner Entfernungen deutlich unterscheiden können, ist es möglich, dass es am Boden deutlich spürbare Luftbewegungen gibt, in Höhe des Rotors etwa 100 Meter über dem Boden aber fast Windstill ist – oder umgekehrt. So erklärt sich auch, warum sich zwei nahe beieinanderstehende Windräder nicht immer gleich schnell drehen – oder eins womöglich gar nicht. Übrigens: Bei zu viel Wind schaltet sich die Anlage auch aus, das passiert aber erst ab einem Sturm der Windstärke 9. Damit die Materialien nicht überbeansprucht werden, drehen sich die Rotorblätter automatisch aus dem Wind.

WEA Amelsbüren morgens

Der Schattenwurf der Rotoren darf bestimmte Grenzwerte nicht überschreiten – sonst schaltet sich die Anlage automatisch ab.

Ein anderer Grund, warum ein Windrad steht, kann die Sonne sein. Denn es gibt Grenzwerte für die Beschattung von Bebauung im Umfeld der Anlage. Hat ein bestimmter Punkt, der im Genehmigungsverfahren als Immissionsort festgelegt wird, durch den Rotor 30 Minuten Schatten pro Tag beziehungsweise acht Stunden pro Jahr abbekommen, schaltet sich die Anlage immer dann aus, wenn der Schatten tatsächlich wieder auf diesen Punkt fallen würde. Das geschieht vollautomatisch. Dafür kann die Anlage aus ihrer Position und dem aktuellen Sonnenstand errechnen, wo ihr Schatten hinfällt. Die Windstärke und Sonneneinstrahlung wird permanent durch Instrumente gemessen, die sich hinten auf dem Maschinenhaus befinden.

Auch wenn es zu viel Strom gibt, können Windräder abgeschaltet werden. Denn davon würde das Netz überlastet. Dazu kommt es in Münster zu Glück nur selten, so dass die Windräder bei passendem Wind grünen Strom erzeugen können. Statt Windräder abzuschalten, können übrigens auch große Stromverbraucher eingeschaltet werden. Wir können in unserem großen Tauchsieder am Hafen so aus überschüssigem Ökostrom Fernwärme machen.  

Nicht zuletzt gibt es natürlich auch im Regelbetrieb Wartungsarbeiten, für die die Windräder abgeschaltet werden müssen. Regelmäßig anstehende Wartungen machen im Jahr etwa 80 Stunden aus.

 

 

 

5 Kommentare

  1. Avatar
    Udo
    8. Oktober 2017

    Klar,
    ich bin 100% Ökostromkunde und doch bin ich sehr unzufrieden mit den Anlagen!

    Bei allen Anlagen liegt die Nabenhöhe zu mindest 2/3 in der Prandtlschicht, ist also für eine gute Nutzbarkeit der Windenergieausbeute mindestens 30-60m zu niedrig. Ich frage mich wer auf einen solchen Blödsinn kommt und auf eine 2-3-fach höhere Jahresausbeute in kWh wider besseren Wissens verzichtet?

    Bin ein bischen wütend mit der geballten Faust in der Tasche!

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    • Florian Adler
      Florian Adler
      9. Oktober 2017

      Die Höhe der Anlagen ist nicht frei wählbar, sondern hängt auch mit der Genehmigung zusammen. Größere Nabenhöhe hieße dann kleinerer Rotor. Wir planen unsere Anlagen natürlich – unter allen vorhandenen Restriktionen – so, dass sie die maximale Windausbeute bringen.

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      • Avatar
        Udo
        9. Oktober 2017

        Wenn ich das richtig verstehe sind es nicht die Ingenieure der Stadtwerke auf diese „geniale“ Idee gekommen sind sondern das sind mehr oder weniger „politische Vorgaben“..?

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  2. Avatar
    Maik
    11. Juli 2015

    Danke, das ist wieder einmal ein Artikel, der ganz entspannt und ohne Besserwisser-Attitüde eine interessante Frage klärt.

    Dass eine Anlage mal aus technischen Gründen pausiert, war auch durch eigenes Nachdenken zu ermitteln. Dass die Windverhältnisse sehr, sehr lokal begrenzt sind, habe ich auch als Sportflieger schon feststellen müssen. Aber gerade die Information, dass auch Schatten einen Einfluss auf die Laufzeit einer Windkraftanlage haben
    können, war für mich völlig neu.

    Also, wieder einmal und gern auch wiederholt: Danke für einen interessanten und gut geschriebenen Blogartikel,

    Maik

    PS: Meine Frage, die ich vor einiger Zeit als Themenvorschlag per eMail gesendet hatte, ist damit zu meiner vollen Zufriedenheit beantwortet. 🙂

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