Wie der Strom nach Münster kam
Schalter geknipst, Licht an: Was heute ganz normal ist, war für unsere Urgroßeltern unvorstellbar. Denn vor 125 Jahren war elektrische Energie im privaten Haushalt Luxus. Wir erzählen, wie und wann der Strom nach Münster kam.
Ein Haushalt ohne Strom?
Ohne Strom zu leben, ist heute kaum denkbar. Kühlschrank, Herd, Beleuchtung, Home Office, Streaming: alles braucht die elektrische Energie.
Und während Kerzen auch heute noch schönes Licht machen, um ein gedrucktes Buch zu lesen, so würde es viele doch vor eine Herausforderung stellen, über offenem Feuer kochen zu müssen.
Das war in Münster bis etwa um 1900 aber ganz normal. Zum Waschen wurde Wasser über Feuer erwärmt, gekocht wurde im Ofen und das Licht kam aus Petroleumlampen. Nur wenige Haushalte hatten bereits einen Gasanschluss, der zum Kochen, Heizen und für Licht dienen konnte.
Kurz vor Ende der Jahrhundertwende begann Münster, sich mit der elektrischen Energie auseinanderzusetzen. Aber: Nachdem die Stadt bereits viel in die Versorgung mit Erdgas und Trinkwasser investiert hatte und gerade auch die Kanalisation aufbaute, wollten die Bürger da wirklich noch Strom, der in diesen Jahren schon viele Großstädte erreichte?
Eine Bürgerumfrage sollte es klären, begleitet von Ausstellungen rund um die Möglichkeiten, die die neue Energie bieten würde. Als „überraschend positiv“ wird das Ergebnis der Umfrage beschrieben – und so war die Entscheidung gefallen: Münster sollte ein eigenes Kraftwerk erhalten, Ende 1898 konnten Firmen ihre Angebote zum Aufbau abgeben.
Strom für die „Elektrische“
Hauptaufgabe des Werks, das am gerade eröffneten Hafen entstehen sollte, war es allerdings nicht, Haushalte mit Strom zu versorgen, sondern den Betrieb einer Straßenbahn zu ermöglichen.
Den Zuschlag zum Bau bekam die Elektrizitäts-Actien-Gesellschaft vorm. W. Lahmeyer & Co. aus Frankfurt, die sich zügig an die Umsetzung machte: Schon 14 Monate nach Auftragsbestätigung stand im Mai 1901 die erste Gasmaschine im neuen Kraftwerk am Hafen und nur wenige Wochen später, im Juli 1901, rollte die erste Straßenbahn mit Strom aus dem Kraftwerk.
Ziel der Jungfernfahrt war der Schützenhof an der Hammer Straße, der nicht nur Endhaltestelle der Straßenbahn war, sondern zur Feier der Einführung auch elektrisch beleuchtet wurde, wie die Einladungskarte stolz verkündete.
In die Haushalte
Zu Beginn erzeugten zwei Gasmaschinen Strom für Münster: 550 Volt für die Straßenbahn und 220 Volt Gleichstrom für städtische Zwecke, unter anderem die Straßenbeleuchtung.
Damit auch weiter entfernte Abnehmer – zum Beispiel das Wasserwerk in der Hohen Ward – Strom erhalten konnten, wurden schon bald Umformer aufgestellt, die den Gleich- in Wechselstrom transformieren konnten. 1903 wurden 1,5 Mio Kilowattstunden Strom erzeugt, 1910 waren es 3,3 Millionen, zehn Jahre später schon 7,3 Millionen.
Da das E-Werk kaum so schnell wachsen konnte, wie die Nachfrage nach Strom zunahm, wurde es daher schnell erweitert, statt einer zweiten Maschinenhalle wurde 1910 ein Kesselhaus mit Dampfturbinen errichtet.
Hatte man sich in Münster 1912 noch entschlossen, weiter nur eigenständig Strom zu erzeugen und sich nicht an ein regionales Netz anzuschließen, wurde diese Entscheidung nach dem Ersten Weltkrieg revidiert.
Denn das eigene Kraftwerk kam immer stärker an seine Grenzen, mehr und mehr Haushalte wollten einen Stromanschluss: 3.781 Hausanschlüsse mit 7.712 Zählern waren 1921 registriert. Zum Vergleich: 1904 gab es gerade einmal 519 Hausanschlüsse. Daher war der Anschluss Münsters an das regionale Netz eine schnelle und sichere Lösung, um die Nachfrage bedienen zu können.
Ein sinnvoller und notwendiger Schritt, denn immer mehr Haushaltsgeräte wurden elektrisch, die Hersteller bewarben ihre deutlich bequemeren Innovationen massiv.
So floss erstmals Strom von außerhalb der Stadt nach Münster, geliefert von der „Überlandzentrale“ des Elektrizitätswerks Westfalen, später bekannt als Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen (VEW). Münsters Grundbedarf an Strom wurde allerdings weiter aus dem E-Werk vom Rande des Hafenbeckens gedeckt.
Seit 1901 ist der Hafen der Kraftwerksstandort für Münster, denn bis heute kommt ein Teil des Stroms von hier, auch wenn das Netz nicht mehr nur im westfälischen Verbund läuft, sondern europaweit ausgebaut ist.
Und wie sieht es heute, 125 Jahre nach Bau des ersten Kraftwerks in Münster aus? Münster hat über 210.000 Entnahmestellen für Strom und wir erzeugen jedes Jahr etwa 350 Mio kWh Strom selbst.
Ein Teil davon stammt weiterhin von dort, wo auch unser erstes Kraftwerk steht, nämlich von der Hafenkante. Aber auch unsere zahlreichen Wind- und Photovoltaikanlagen steuern inzwischen viel Ökostrom bei. Diese Erzeugung werden wir in den nächsten Jahren weiter ausbauen, um die Energiewende weiter voranzutreiben.
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