Schwerbehinderte sind vollwertige Arbeitskräfte

Die Stadtwerke Münster mit ihren guten beruflichen Perspektiven für Menschen mit Behinderung – das war einer der Gründe, die die Juroren davon überzeugten, dass die Stadtwerke Münster ein Top-Arbeitgeber sind. Thomas Walbaum ist „Vertrauensmann für schwerbehinderte Menschen“, so die offizielle Bezeichnung. Der Vertrauensmann wird alle vier Jahre gewählt. In einem Betrieb mit mindestens fünf Schwerbehinderten kann eine Schwerbehindertenvertretung (SBV) gewählt werden. Die SBV hat das Recht, an allen Betriebsratssitzungen teilzunehmen, ebenso an den Ausschüssen des Betriebsrats und dem Monatsgespräch mit der Geschäftsführung. Der Schwerbehindertenvertreter gehört also mit zu den bestinformierten Personen im Unternehmen.

■ ■ ■ Warum brauchen arbeitende Schwerbehinderte einen Vertrauensmann, der sie im Unternehmen vertritt?

Thomas Walbaum: Aufgabe der Schwerbehindertenvertretung ist es, die Eingliederung von Schwerbehinderten in das Berufsleben zu fördern und ihre Interessen zu vertreten. Der Vertrauensmann berät und unterstützt den Schwerbehinderten im Betrieb. Das tut er vor allem bei Fragen von Seiten der Arbeitgeber und Kollegen zum Thema „Behinderung“. Der Vertrauensmann hilft beim Kontakt mit Ämtern und interveniert, wenn Schwerbehinderte benachteiligt werden. Ich moderiere bei Konflikten zwischen Kollegen und Führungskraft und überprüfe, ob der Arbeitgeber die rechtlichen Bestimmungen umsetzt. Durch die Teilnahme an Arbeitskreisen leiste ich zudem Lobbyarbeit für die Schwerbehinderten.

In vielen Ländern Europas heißt es sympathischerweise „gehandikapt“ und nicht wie im Deutschen nahezu schimpfwortartig „behindert“. Nomen est omen?

Thomas Walbaum: Ich sehe das Wort „behindert“ nicht als Schimpfwort. Ich bin ja nicht behindert, sondern ich werde behindert gemacht. Dies geschieht in der Hauptsache durch Barrieren im baulichen Bereich, aber auch in der Gesellschaft – also in den Köpfen der Leute. Niedere Beweggründe wie Neid spielen ebenfalls eine Rolle. Aussagen wie „Ihr kriegt doch alles umsonst“ kommen vor. Ich biete hier immer einen Situationstausch an. Leider ist noch niemand darauf eingegangen. Hier ist jeder Behinderte aufgerufen, sich aktiv dafür einzusetzen, dass die Barrieren im Kopf abgebaut werden.

Wie sehen Sie die Situation von Gehandikapten bei den Stadtwerken?

Thomas Walbaum: Die heutige Situation ist gut bis komfortabel. Das war nicht immer so; ich habe es während meiner ersten zehn Jahre im Unternehmen selber erfahren, aber in diesen Jahren hat sich hier auch viel getan, bedingt vor allem durch unsere 1992 verabschiedeten „Grundsätze der Zusammenarbeit“, eine Art Verfassung, die den Umgang miteinander regelt. Auf Fortbildungen lerne ich immer wieder Vertrauensleute aus anderen Unternehmen kennen. Von ihnen höre ich, wie sehr sie gegen Diskriminierungen kämpfen müssen. Das ist bei den Stadtwerken Münster eindeutig anders: Der Vertrauensmann wird akzeptiert und unterstützt.

Gibt es noch Diskriminierungen bei den Stadtwerken?

Thomas Walbaum: Bauliche Barrieren sind überhaupt kein Thema. Auch im Kopf der meisten Kollegen sind die Barrieren gegen über Behinderten abgebaut. Der Arbeitgeber kommt seinen Fürsorgepflichten korrekt nach. Hilfen werden gerne angeboten und gerne angenommen. Es gibt nur wenige Ausnahmen, wo ich von Diskriminierung sprechen würde. In der Regel geschieht das – meist gut verpackt – zwischen Führungskraft und schwerbehindertem Mitarbeiter. Also noch einmal: Die Situation der Schwerbehinderten bei den Stadtwerken Münster ist vorbildlich. Dennoch: Wir sind in Teilen auch nur ein Abbild der Gesellschaft.

Wie viel Gehandikapte gibt es bei den Stadtwerken und was bietet ihnen das Unternehmen?

Thomas Walbaum: Im Jahresdurchschnitt 2007 waren es 65 Schwerbehinderte. Geboten wird uns eine umfangreiche Betreuung bei Problemen im Unternehmen und mit der Behinderung. Jeder Behinderte kann offensiv mit seiner Behinderung umgehen. Es entstehen ihm keine Nachteile.

Warum ist es gut für ein Unternehmen, Schwerbehinderte zu beschäftigen?

Thomas Walbaum: Wir sind ein integratives Unternehmen. Was mittlerweile in Kindergärten und Schulen praktiziert wird, nämlich Schwerbehinderte zum Wohle beider zu integrieren, wird bei den Stadtwerken Münster auch gelebt. Die Kollegen steigern ihre soziale Kompetenz durch den Umgang mit Schwerbehinderten. Berührungsängste werden abgebaut. Die Schwerbehinderten können zeigen, dass sie vollwertige Arbeitskräfte sind. Durch die Arbeit in einem „normalen” Unternehmen werden sie sozial und gesellschaftlich integriert. Dies ist auf dem zweiten und dritten Arbeitsmarkt wesentlich schwieriger.

Sie sind selbst schwerbehindert. Gehen Ihnen die ständigen Fragen dazu nicht auf den Keks?

Thomas Walbaum: Nein. In meinem Beruf gehe ich offensiv mit meiner Behinderung um und mache daraus kein Geheimnis. Aber alles hat Grenzen. Welche Auswirkung die Behinderung in meinem täglichen Leben hat, ist sehr persönlich und geht nur die wenigsten etwas an. In meiner Freizeit mache ich die Erfahrung, dass ich häufiger nach meiner Behinderung gefragt werde. Das ist oft nur ein Vorwand, damit der Fragesteller von seinen eigenen Krankheiten berichten kann – eine Gesprächstaktik, für die es unter Schwerbehinderten nur sehr wenige Fans gibt.

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Thomas Walbaum
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