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Prämierte Kurzgeschichten
Aus der Vielzahl der eingegangenen e-mails haben wir bisher folgende Kurzgeschichte/n prämiert:
Titel: Mondausfall
Es war in den siebziger Jahren. Damals gab es noch manchmal kurze Stromausfälle in den Haushalten. Unsere Tochter Susanne - damals drei Jahre alt - fand dies etwas beängstigend. In jenem Jahr gab es ein spektakuläres Himmelsereignis: totale Mondfinsternis. Wir wollten dieses Schauspiel der kleinen Susanne im nahe gelegenen Wäldchen zeigen. Sie war von der zunehmenden Verfinsterung beeindruckt und stellte dazu die Frage "Hat der Mond auch Stromausfall?"
Wir bedanken uns bei Frau Felizitas Wolf aus Münster.
Titel: Friseurgespräch
Wahrlich, ich habe den Feind gesehen. In einem Friseursalon. Als er vor mir stand, durchfuhr es mich wie ein Stromschlag. Und das alles nur der Haare wegen. Die waren mal wieder zu lang, und so sprang ich schnell in diesen verschmuddelten Salon am Bahnhof. Die Gelegenheit schien günstig, der Laden versprach prompte Bedienung und kleines Geld. Die Inneneinrichtung war eher karg. Genauer gesagt: Der Laden versprühte den Charme einer Trinkhalle kurz nach der Währungsreform. Kaum hatte ich mich umgeschaut, hatte schon eine schlechtgelaunte Auszubildende das Fangnetz eines fleckig-grünen Umhangs über mich geworfen und mir die kratzige Papierbanderole wie einen Kälberstrick um den Hals gelegt. Es war zu spät. Schon erschien im Spiegel, breitbeinig und grinsend, ein tätowierter Hüne im Muskelhemd mit Bierbauch und rasiertem Schädel, die Haarschneidemaschine wie einen Faustkeil in den fleischigen Händen. Ungefragt begann er, mir den Nacken auszurasieren. Ich hörte das Summen der Maschine und konzentrierte mich auf meinen Atem. Irgendetwas sagen. Aber was? Politik, Fußball, Wetter? Ich machte einen zaghaften Versuch. Der Blick des Meisters traf mich wie ein Leberhaken, und das Schaben der Rasierklinge, mit der er gerade meine Geheimratsecken bearbeitete, ließ mich schweigen. Ich schloss die Augen und ließ es geschehen. Als der Meister kurz im Nebenraum verschwand, kamen von dort Laute wie das Klirren von Gläsern und Geräusche, als würden Messer geschärft. In Gedanken sah ich ihn endlose Flure hinabschreiten, vorbei an Regalfronten, vollgestopft mit Einmachgläsern: abgetrennte Ohren in Paraffin, Rauschebärte und Dreadlocks hinter Glas. Unwillkürlich betastete ich mein Gesicht. Aber schon war der Meister wieder da, und mit einem Schnaufen, wie ich es bisher nur aus Tierdokumentationen kannte, beendete er seine Arbeit. Atemlos und zitternd wie ein Lamm nach der Schur saß ich da. Vor mir im Spiegel ein kleiner Dünner im Rollkragenpullover, der entfernte Ähnlichkeit mit mir hatte. Der Meister stand schon, stumm wie ein germanischer Buddha, hinter der Kasse. Ich zahlte passend. So ging ich hin. Draußen pfiff ein kalter Wind um meinen Schädel. Ein Hund bellte mich an. Es klang wie ein Lachen.
Danke schön für diese Story an Herrn Jürgen Flenker aus Münster.
Titel: Knapp
Ich trete das Gaspedal durch. Mein kleines, altes Auto quält sich auf 130 km/h ... 140 ... 145 ... mehr geht nicht. Mir bricht der Schweiß aus. Wann kommt denn diese blöde Abfahrt? Endlich das Hinweisschild! Im letzten Moment bremse ich ab, schalte krachend einen Gang runter und schlingere durch die Kurve. Schon leuchtet mir eine rote Ampel entgegen. Verdammt, muss das sein? Ich bringe den Wagen mit einer Vollbremsung zum Stehen, umklammere verzweifelt das Lenkrad und starre auf die Ampel. Na los, werd grün! Kaum sehe ich Gelb, gebe ich Gummi und schwenke rechts herum auf die Hauptstraße. Oh nein! Vor mir schleicht ein Smart mit Tempo 30 dahin. Mach voran, du Schnarchhahn! Ich wische mir die feuchten Hände am Rock ab. Soll ich es wagen zu überholen? Besser nicht, zu viel Gegenverkehr. Außerdem muss ich an der nächsten Kreuzung sowieso links ab. Bitte, liebes Universum, lass die Pappnase geradeaus fahren! Seufzend und stöhnend schleiche ich dem Smart hinterher. – Ja, dem Himmel sei Dank, er tuckert weiter die Hauptstraße entlang. Ich reiße das Steuer herum, biege links ab und drücke noch mal kräftig aufs Gas. Vor dem siebten Wohnblock entdecke ich einen Parkplatz. Sekunden später steht mein Wagen ziemlich schief in der Lücke, ich springe heraus, renne zum nächsten Haus, fummle den Schlüssel ins Schloss – los, geh schon rein – reiße die Tür auf, nehme immer zwei Treppenstufen auf einmal, schließe die Wohnungstür auf, lasse sie hinter mir zuknallen, zerre im Laufen meinen Rock hoch, erreiche im allerletzten Augenblick das Bad, ziehe den Slip runter, sinke auf die Toilettenbrille ... und ... aaah ... endlich dürfen die Dinge ihren Lauf nehmen.
Diese Geschichte schickte uns Frau Angelika Brox aus Münster. Vielen Dank.
Titel: Gewaltiger Sprung
Wir waren jung, verliebt und renovierten unsere erste gemeinsame Wohnung. Als Hobbyhandwerker verlegte mein Freund auch Steckdosen und schloss jede Lampe selber an. In der Küche wollte ich gerne den Kühlschrank dort hinstellen, wo der Herdanschluss war. „Kein Problem“, sagte mein Freund und machte sich voller Elan sofort ans Werk.
„Ja, was ist denn das“, stutzte er, „der Anschluss vom E-Herd hat ja sechs Kabel. Komisch.“ Verlegen kratzte er sich am Hinterkopf. „Bestimmt sind drei davon tot. Das teste ich aus, damit ich weis, welche Kabel ich benutzen muss um den Kühlschrank hier anzuschließen.“
Gott sei dank nahm mein Freund dafür zwei große, dicke Schraubenzieher, mit denen er zwei Kabel aneinander hielt. Was nun passierte, lässt sich kaum beschreiben.
Es gab einen Knall, Funken sprühten und mein Freund, der beileibe kein Leichtgewicht war (1,86 m; 90 kg) und vor dem Anschluss hockte, machte einen gewaltigen Sprung rückwärts. So als hätte ihn jemand am Kragen gepackt, hochgezogen und ein Stück zurück geworfen. Unsanft landete er auf seinem Po, verdrehte die Augen und schaute völlig fassungslos um sich. Zwei verbogene Schraubenzieher hielt er in den Händen. „Wow! Lebe ich noch oder bin ich schon tot?“ fragte er sichtlich benommen. Erschrocken und unfähig auch nur etwas zu sagen, stand ich neben ihn. Meine Gedanken fuhren Karusell. “Er hätte tot sein können oder schwer verletzt. Ich wäre kurz vor unserer Hochzeit schon "Witwe" geworden.“Lauter irres Zeug schoss durch meinen Kopf.
Es dauerte eine Weile bis wir unsere Fassung wieder hatten und das ganze Ausmaß erkannten. Sämtliche Sicherungen unserer Wohnung waren durchgebrannt, sogar die Hauptsicherungen im Keller für die Nachtspeicherheizung mussten ausgewechselt werden, weil nichts mehr funktionierte. Das war die reinste Erleuchtung für uns beide. Seitdem wissen wir, dass es einen Starkstromanschluss für E-Herde gibt und dass mit Strom nicht zu spaßen ist.
Diese Geschichte übermittelte uns Frau Regina Schlöpker-Richtscheid aus Münster. Vielen Dank dafür.
38 Jahre unter Strom - Zum Priesterjahr
38 Jahre - Pfarrer- Schulpfarrer-Rundfunk- und Internet- unter Strom
Unter Strom stehen - das kenne ich,
wenn ich an Sitzungen teilnehmen muss, wo leeres Stroh gedroschen wird;
das kenne ich, als ich mit 28 Jahren einen Vortrag vor 100 Pfarrern halten musste; vom ersten Rundfunkauftritt bei SWF3 und bei der Fernsehvesper;
das kenne ich, als ich eine "Chaos-Klasse" übernehmen musste, wo ich ständig in Versuchung war (wie das HB-Männchen) in die Luft zu gehen;
unter Strom stehen - gehört zu meinem Leben im Eustress.
Die 38 Jahre als Priester waren spannende Jahre, Leben in Spannungen. Es waren frohe Jahre, energiegeladen... manchmal auch herzklopfend gegen den Strom schwimmend, sich neuen Herausforderungen stellend, beim Versuch Original und nicht Kopie zu sein.
Unter Strom stehen heisst heute auch: Kirche mit Solaranlagen. Die Freude an dem Glauben liess mich unter Strom stehen - entsprechend der Schlitzohrigkeit eines Don Camillo und des Temperaments und des Durchsetzungsvermögens von "Sister act".
Diese Kurzgeschichte übermittelte uns Herr Josef Ernst aus Münster.
„Ein Paar unter Strom“ oder „Bären bringen Glück“
Auf dem Weg zum Bahnhof auf der Hauptstraße, als der Rosenmontagszug schon vorbei war, die Menge sich schon zu verlaufen begann – da begegneten sie dem Bären.
„Guck mal, wie komisch!“ sagte sie und blieb stehen.
Der Bär stand am Rand des breiten Gehwegs, neben einem großen Blumenkübel, vor einem Fußgängerüberweg, der zum nahen Bahnhof führte, wiegte sich und machte rudernde Bewegungen mit den Vordertatzen, wobei er ganz leise brummte. „Guck mal, wie der sich wiegt, wie der brummt!“ sagte sie, „als ob er echt wäre.“
Der Bär brummte lauter, machte ein paar wiegende Schritte auf sie zu, nickte mit dem Kopf und hob die rechte Vordertatze gegen sie. Sie schrie auf, wich aber nur ganz wenig zurück, indem sie ganz fest seine Hand fasste und ihn mit sich zog.
Der Bär war dicht vor ihnen stehen geblieben und wiegte sich wieder, leise brummend.
„Wunderbar!“ sagte plötzlich eine tiefe Stimme seitlich von ihnen: „Ja, ein wunderschöner Schnappschuss für die jungen Herrschaften zur Erinnerung!“ Zugleich machte es ‚Klick‘, und als sie sich nach rechts drehten, sahen sie den Mann mit der Kamera, der eben zur Probe geknipst hatte, ein dicklicher kleiner Mann mit einer braunen Lederjacke und einer Pelzmütze. Der junge Mann fühlte sich überrumpelt, griff energisch nach dem linken Arm des Mädchens und wollte es wegziehen.
Aber sie stand wie festgewurzelt, blickte ihn mit flehenden Augen an und sagte: „Ach bitte lass ihn doch! Wir haben doch noch gar nicht fotografiert heute!“
Er gab sich geschlagen, legte nun gehorsam, wenn auch zögernd den Arm um sie.
Der Bär kam wieder näher, tänzelte nun mit seinen wiegenden Schritten um die beiden herum, blieb schließlich hinter ihnen stehen und legte die linke Vordertatze auf ihre linke Schulter. Er brummte zufrieden. Sie kuschelte sich fröstelnd an ihn, hielt aber still.
Er dachte: "Ich mag diese gestellten Fotos nicht."
Er dachte: "Dieser alberne Bär!"
Er dachte: "Noch zwanzig Minuten bis zu ihrer Abfahrt."
Sie drängte sich noch enger an ihn, schaute zärtlich zu ihm hoch.
Er blickte abwesend. Er roch wieder das starke Parfum, das von ihrer Bluse ausströmte… Herrgott noch mal! – Ich kann das Zeugs nicht riechen, - ich mag’s einfach nicht! Aber sie kann doch nichts dafür, dass ich’s nicht mag…mein Güte, - kann doch nichts dafür, dass ich auf einmal keinen Spaß mehr habe – an diesem ganzen Rummel hier, Helau und Alaaf, diese ganze alberne, aufdringliche Fröhlichkeit… oh nein, dafür kann sie doch nichts!
Warum, - ja warum habe ich sie eigentlich eingeladen hierhin zu kommen, extra mit dem Zug, ausgerechnet zum Karneval…? Ja warum, wenn ich doch genau wusste, dass ich ohnehin mit ihr Schluss machen wollte.
Oder wollte ich das etwa nicht? Hatte ich vielleicht doch noch Hoffnung, dass sich irgendwie alles wieder einrenken…Hab vielleicht gedacht: Einfach mal wieder so richtig unbeschwert, ausgelassen mit ihr wie früher…Ja hab ich gedacht…Denken, denken. - Ach nein, ich denke einfach zuviel -
„Du schaust so traurig!“ sagte sie und rüttelte ihn behutsam am Arm. „Was hast du denn?“ „Ach nichts!“ sagte er, ohne sie anzublicken: „Ist alles okay!“
„Guck mal der Bär!“ sagte sie jetzt, drehte den Kopf nach hinten und führte gleichzeitig seine rechte Hand in ihrer Linken auf ihre Schulter, damit er die Tatze des Bären fühlte: „Fühl mal, wie weich sein Fell ist!“
Ganz dicht steht der falsche Bär jetzt hinter ihnen, groß, warm und dunkel. Er wiegt den Kopf behäbig hin und her und grunzt zufrieden.
Inzwischen hat der Mann mit der Kamera sich vor ihnen postiert. Er scheint bereit zu sein. Insgeheim fällt der Blick des jungen Mannes auf das große schwarze Zifferblatt der Bahnhofsuhr gleich rechts hinter dem Kopf des Fotografen. Noch eine Viertelstunde, denkt er, bis ihr Zug…-
Jetzt zwinkert der Mann mit der Pelzmütze dem Mädchen verstohlen- aufmunternd zu, nun aber nicht so traurig, sondern besonders freundlich…
Aber sie sieht ja nichts! Denkt der junge Mann bestürzt: Sie kann sein Zwinkern gar nicht bemerkt haben. Sie schaut ja immerfort nur mich an. Aber auch mich sieht sie bestimmt nur ganz verschwommen, weil ihre Augen so voller Tränen sind-
Trotzdem drückt sie sich jetzt ganz fest an ihn und versucht zu lächeln: „Bären bringen Glück!“ flüstert sie: „hörst du? Meine Mutter hat immer gesagt, Bären sollen Glück bringen“.
Der junge Mann lacht einmal kurz auf, legt behutsam den Arm um sie und zwinkert dem Fotografen verstohlen zu, dass er endlich…
„Wunderbar!“ ruft der Mann vor ihnen jetzt: „Ja, so ist’s sehr schön, - so ist’s genau richtig!“ Im nächsten Augenblick hören sie das klickende Geräusch der Kamera.
Diese Geschichte wurde von Herrn Wolfgang Brockpähler aus Münster verfasst und uns zugesendet.
Am 31. August 2009 endete unser Autorenwettbewerb - vielen Dank an alle, die sich an unserer Aktion beteiligt haben!
Als Dankeschön werden wir die Eintrittskarten und den Hauptpreis für die Titanick Open-Air-Aufführung spätestens Anfang September versenden.
